Wirtschaftskrieg und soziale Not

Der Erste Weltkrieg war ein totaler Krieg. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit spielte eine entscheidende Rolle. Nach anfänglicher Kriegskonjunktur stürzte die Schweiz in eine schwere Wirtschaftskrise. Die Sicherung der Landesversorgung mit Rohstoffen und Lebensmittel stellte den Bundesstaat vor grosse Herausforderungen.

Aussenpolitik und Wirtschaftskrieg

Wirtschaftlich war die Schweiz bei Kriegsausbruch schlecht gewappnet. Die Getreidevorräte etwa reichten nur für knapp zwei Monate. Dem unerbittlich geführten Wirtschaftskrieg konnte sich auch der neutrale Kleinstaat nicht entziehen. Die Kriegsparteien wollten die Schweizer Wirtschaft kontrollieren, um sie für ihre Kriegsziele zu nutzen. Dadurch erlitt die Schweiz schmerzhafte Souveränitätseinbussen.

Nach einer anfänglichen Schockstarre unmittelbar nach Kriegsausbruch profitierte vor allem die Schweizer Exportwirtschaft zunächst von den Kriegsanstrengungen in Europa. Doch spätestens ab Mitte 1916 wendete sich die anfängliche Kriegskonjunktur in eine schwere Wirtschaftskrise. Insgesamt vergrösserte die Kriegswirtschaft die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede zwischen Export- und Binnenwirtschaft, zwischen Stadt und Land, zwischen Bauern und Arbeitern, zwischen Wohlhabenden und Armen.

Die Bestände Eidgenössisches politisches Departement (1848-1962) und Abteilung für Auswärtiges (1768-1961) enthalten umfangreiches Material zur schweizerischen Aussenpolitik und der Kriegsvorsorge. Zum Thema Sicherung der Landesversorgung sind ergänzend dazu vor allem die Bestände Landesverteidigung (1600-1960), Sekretariat des eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements: Teilregistratur Kriegswirtschaft Erster Weltkrieg (1904-1932), Generalsekretariat des eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements (1887-1967) und der Privatbestand von Bundesrat Edmund Schulthess (1910-1943) von Interesse. Der Privatbestand Société suisse de surveillance économique S.S.S. (1915-1923) dokumentiert ausführlich die Anstrengungen der Ententemächte Frankreich, Grossbritannien, Russland und Italien zur Kontrolle der schweizerischen Wirtschaft. Hierzu und zum Kontrollorgan der Zentralmächte, der Schweizerischen Treuhandstelle für Überwachung des Warenverkehrs (S.T.S.), bietet auch der Privatbestand des Beraters der S.T.S Hans Schaefle (1915-1919) Informationen.

Soziale Not und Polarisierung der Gesellschaft

Besonders in der zweiten Kriegshälfte litt die städtische Bevölkerung unter der Teuerung und der Wohnungsnot. Betroffen war vor allem die Arbeiterschaft. Viele Familien litten Hunger. Auf der anderen Seite sorgten Spekulation, Hamsterei und «Kriegsgewinnler» für Unmut in der Bevölkerung. Die Mangelernährung war eine der Ursachen der verheerenden Grippeepidemie («Spanische Grippe») im letzten Kriegsjahr, die über 25 000 Tote forderte.

Besser erging es den Bauern auf dem Land. Sie verfügten über genügend Nahrungsmittel und profitierten von steigenden Lebensmittelpreisen. Dennoch litten dort besonders die Frauen unter der starken Arbeitsbelastung, weil Zugtiere eingezogen und die Männer mobilisiert waren.

Am Ende des Kriegs war die Schweiz eine in mehrfacher Hinsicht gespaltene Nation. Die gesellschaftlichen Spannungen und die wirtschaftliche Not grosser Teile der Bevölkerung erforderten soziale und politische Reformen. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte man die Lehren aus den Problemen des Ersten Weltkriegs gezogen. Der Bundesrat und die Armeeführung konnten dank einer kriegswirtschaftlichen Gesamtplanung, der Wahl eines integrativen Generals und der «geistigen Landesverteidigung» ähnliche Krisen vermeiden.

Unterlagen zu sozialen Aspekten der Kriegswirtschaft sind in ganz verschiedenen Beständen abgelegt. Die Themen Wohnungsnot, Fürsorge und Lebensmittelteuerung sind unter anderem in den Beständen Sozialversicherung und Fürsorge (1879-1925), Eidgenössische Preiskontrollstelle (1914-1982), Eidgenössische Justizabteilung (1875-1969), Eidgenössisches Fürsorgeamt (1912-1926), Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (1892-1962) und Sekretariat des eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements: Teilregistratur Kriegswirtschaft Erster Weltkrieg (1904-1932) dokumentiert. Geschäfts- und Fallakten zu Vergehen gegen die Lebensmittelordnung finden sich in den Beständen Oberauditorat: Urteilssammlungen (1908-1991) und Oberauditorat: Strafakten (1823-1996).

Zur Grippeepidemie liefern die Bestände Landesverteidigung (1600-1960), Bundesamt für Sozialversicherung (1888-1949) und Eidgenössisches Versicherungsamt (1885-1963) Informationen. Je nach konkretem Forschungsinteresse können auch andere Unterlagen wichtig sein, etwa die Geschäftsdossiers der Bundesversammlung (1858-2005).

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