Bauernstaat oder Staatsbauern?

In keinen anderen Wirtschaftsbereich griff und greift der Staat in der Schweiz so stark ein wie in die Landwirtschaft. Er lenkt die Produktion, gewährt Subventionen, garantiert Preise und Abnahmemengen. Zusätzlich schützt er die Produzenten mit Importzöllen und betreibt Exportförderung.

Landwirtschaft zwischen Markt und Politik

Die Sonderstellung der Landwirtschaft wurde 1893 im Gesetz festgeschrieben. Sie hatte mit dem Schweizerischen Bauernverband zudem einen starken politischen Fürsprecher. Der 1897 gegründete Verband mit Sitz in Brugg entwickelte sich unter der Leitung seines ersten Sekretärs, dem ETH-Professor Ernst Laur (1895-1964), rasch zu einer schlagkräftigen Lobbyorganisation. Zusammen mit dem Staat förderte er die Modernisierung der Landwirtschaft und verband sie mit ernährungs- und sozialpolitischen Zielen.

In vielen Bereichen übertrug der Staat den bäuerlichen Organisationen hoheitliche Aufgaben. Während des Ersten Weltkriegs war der Zentralverband Schweizerischer Milchproduzenten (ZMSV) für die Milch- und Käseversorgung in den Städten verantwortlich. Aus dem ZMSV ging 1921 die Schweizerische Käseunion (1858-2000) hervor. Nahrungsmittelknappheit und soziale Krise am Ende des Ersten Weltkriegs führten zum Ausbau der Subventions- und Lenkungspolitik. Die Verflechtung zwischen Staat und Bauernorganisationen besteht bis heute.

1929: Ein Bauer wird Bundesrat

Parteigründungen und die Einbindung in den Bürgerblock stärkten den politischen Einfluss der Bauern. Mit Rudolf Minger (1895-1965) brachten sie 1929 einen der ihren in den Bundesrat. Minger war Mitglied der 1918 gegründeten bernischen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB). In der Bedrohungslage der 1930er- und 40er-Jahre diente das Ideal eines gesunden Bauernstands als Gegenmodell zur Lasterhaftigkeit und Entfremdung der Stadt. Die Geistige Landesverteidigung während des Zweiten Weltkriegs machte das Bauerntum zum zentralen Bezugspunkt der nationalen Identität.

In der Nachkriegszeit erforderten das Wachstum des Industrie- und Dienstleistungssektors und die Hochkonjunktur Anpassungen in der Landwirtschaftspolitik. Modernisierung und Industrialisierung setzten die Bauernbetriebe immer stärker unter Druck und führten zum sogenannten Bauernsterben. Seit den 1980er-Jahren fordern Ökologie und Globalisierung die Landwirtschaft heraus.

Breites Feld an Interventionen

Der Bund griff während Jahrzehnten nicht nur mit Subventionen und anderen Massnahmen direkt in die Landwirtschaft ein, sondern betrieb aktiv Exportförderung. Entsprechend umfangreich und vielfältig sind die Unterlagen zur Landwirtschaft im Schweizerischen Bundesarchiv. Sie befinden sich einerseits im Bestand des Bundesamts für Landwirtschaft (1882-1994), der früheren Abteilung für Landwirtschaft (1855-1979) sowie in den Beständen jener Departemente, die z. B. für Bodenrecht, Forstwirtschaft oder Exportwirtschaft zuständig sind. Zudem kann in den Privatarchiven des Agronomen und späteren Bundesrats Friedrich Traugott Wahlen (1848-1985) oder den Depots der Schweizerischen Milchkommission (1922-1946) und der Schweizerischen Genossenschaft für Getreide und Futtermittel (1932-1997) recherchiert werden.

Publikationen des Bundesarchivs

Baumann Werner, Moser Peter, Subventionen für eine mächtige Bauernlobby? Ursachen und Auswirkungen der staatlichen Agrarsubventionen 1880–1970, in: Studien und Quellen 26 (2000), S. 157-178.

Graf Christoph, Tschabold Eduard, Der Nachlass von Bundesrat Rudolf Minger (1881-1955). Eine Analyse des Bestands J1.108, hg. vom Schweizerischen Bundesarchiv (Reihe «Inventare»), Bern 1981.

Graf Christoph, Tschabold Eduard, Rudolf Minger als Förderer der schweizerischen Landwirtschaft und Landesverteidigung. Der Berner Bauernbundesrat im Spiegel seines Nachlasses, in: Studien und Quellen 6 (1980), S. 7-111.

Schnyder Damian, Zwischen Absatzförderung und humanitärer Hilfe. Die ersten Schweizer Milchpulverlieferungen, 1960-1972, in: Studien und Quellen 19 (1993), S. 460-477.

Letzte Änderung 15.12.2015

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