Landesgeneralstreik, 11. bis 14. November 1918

„Wir fordern die ungesäumte Umbildung der bestehenden Landesregierung unter Anpassung an den vorhandenen Volkswillen“ – so stand es auf dem Flugblatt, das am 11. November 1918 zum Landesgeneralstreik aufrief. Was war geschehen?

Engpässe in der Lebensmittelversorgung und eine massive Teuerung verursachten während des Ersten Weltkriegs in weiten Teilen der schweizerischen Arbeiterschaft Unzufriedenheit und Not. Während beispielsweise 1914 in Bern ein Kilo Kartoffeln 12 Rappen kostete, stieg der Preis bis 1918 auf 27 Rappen; das Kilo Brot verteuerte sich von 30 auf 74 Rappen. Gleichzeitig profitierte die Landwirtschaft von den hohen Lebensmittelpreisen, und einige Unternehmen erwirtschafteten ausserordentliche Kriegsgewinne.

Für Sonntag, den 10. November rief die Sozialdemokratische Partei zu einer Feier zum ersten Jahrestag der Russischen Oktoberrevolution in Zürich auf. Die Armeespitze befürchtete gewalttätige Ausschreitungen und drängte den Schweizer Bundesrat, ein Truppenaufgebot für die Limmatstadt zu erlassen. Nach anfänglichem Zögern willigte die Landesregierung ein und erliess am 5. November ein Truppenaufgebot. In der Folge marschierten am 7. November Infanterie und Kavallerie als Ordnungstruppen in die Stadt ein.

Das Oltener Aktionskomitee – so benannt nach dem Ort seiner Gründung am 4. Februar 1918 –, das der sozialdemokratische Nationalrat Robert Grimm in den Vormonaten zu einem Exekutivausschuss von Partei und Gewerkschaft geformt hatte, rief daraufhin für Samstag, den 9. November zu einem 24stündigen Proteststreik in 19 Industriezentren der Schweiz auf.

Da die Armee ihre Truppen nicht abzog, beschloss die Zürcher Arbeiterunion den Streik weiterzuführen, was wiederum das Oltener Aktionskomitee unter Druck setzte. Schliesslich rief es für „Montag, den 11. November 1918, nachts 12 Uhr“ den unbefristeten landesweiten Generalstreik aus – dem Aufruf folgten ungefähr 300'000 Frauen und Männer. Die Streikleitung forderte unter anderem eine sofortige Neuwahl des Nationalrats auf Grundlage des erst wenige Wochen zuvor eingeführten Pro-porzwahlsystems, das Frauenstimm- und wahlrecht, die 48-Stunden-Woche, die Sicherung der Lebensmittelversorgung, eine Alters- und Invalidenversicherung und die Einführung einer Vermögenssteuer.

Am 13. November stellte der Schweizerische Bundesrat den Vertretern des Oltener Komitees ein Ultimatum und forderte den bedingungslosen Streikabbruch. Aus Angst vor einer bewaffneten Auseinandersetzung sprach sich das Komitee in der Nacht auf den 14. November mit grosser Mehrheit für eine Beendigung des Streiks und die allgemeine Wiederaufnahme der Arbeit auf Freitag, den 15. November aus. Von den ursprünglich neun Forderungen konnten lediglich zwei durchgesetzt werden: die Neuwahl des Nationalrats und die 48-Stunden-Woche.

Die präsentierten Dokumente geben Einblick in die Handlungsweise von Bundesrat und Armeeleitung während des Landesstreiks, den der Historiker Willi Gautschi als „das schwerwiegendste innenpolitische Ereignis der Schweizergeschichte seit der Gründung des Bundesstaates im Jahre 1848“ bezeichnet hatte. Die Originale sind frei zugänglich und können jederzeit in den Lesesälen des Schweizerischen Bundesarchivs bestellt und eingesehen werden.

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