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Bewaffnete Neutralität und Aktivdienst

Der Ausbruch des «Grossen Krieges» löste auch in der Schweiz für kurze Zeit Enthusiasmus und patriotische Begeisterung aus. Der Bundesrat verkündete feierlich die Neutralität. Schon bald stellte sich aber heraus, dass der moderne Krieg ein totaler Krieg war, der alle in Mitleidenschaft zog – Soldaten und Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder. Mit dem Beginn des Stellungskriegs löste sich die weitverbreitete Hoffnung auf ein rasches Kriegsende in Luft auf.

Militärische Landesverteidigung

Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ordnete der Bundesrat am 1. August 1914 die Mobilmachung der Schweizer Armee an. Innerhalb einer Woche rückten 220 000 Soldaten in den Aktivdienst ein. Der Bundesrat erhielt von der Vereinigten Bundesversammlung unbeschränkte Vollmachten zur Behauptung der Unabhängigkeit und Neutralität des Landes. Der deutschfreundliche Ulrich Wille wurde zum General gewählt.

Die Mobilisierung hatte gezeigt, dass die Armee auf eine militärische Bedrohung vorbereitet war. Wichtige Fragen der Landesverteidigung blieben jedoch umstritten: Sollte die Armee tatsächlich das gesamte Territorium verteidigen? Was bedeutete «bewaffnete Neutralität»?

Eine militärische Bedrohung für die Schweiz waren vor allem bestehende Pläne der deutschen und französischen Generalstäbe für Umgehungsangriffe über Schweizer Territorium. Keiner dieser Pläne kam zur Ausführung, die Schweizer Grenze blieb unverletzt. Für die Grenzsicherung standen im Verlaufe des Krieges ständig rund 50 000 Soldaten im Einsatz.

Die Militärgeschichte des Ersten Weltkriegs ist im Bestand Landesverteidigung (1600-1960) ausführlich dokumentiert. Darin finden sich unter anderem Unterlagen zum Verteidigungsdispositiv, zu den Tätigkeiten des Generals sowie Pläne. Ergänzend dazu sind auch in den Beständen der Generalstabsabteilung (1914-1968) und des Stabs der Gruppe für Generalstabsdienste (1892-1999) Akten zum Ersten Weltkrieg abgelegt. Interessantes Material zu Teilaspekten ist ferner in einer Reihe von Privatbeständen zu finden, zum Beispiel in den Beständen Ulrich Wille (1896-1925) oder des späteren Generalstabschefs Emil Sonderegger (1888-1975).

Zum Thema Landesverteidigung existiert umfangreiches Bildmaterial, insbesondere die online verfügbaren Negativplatten der «Fotoserie Erster Weltkrieg» und eine Reihe von Fotoalben im Bestand Landesverteidigung (1600-1960). Dazu kommt eine kleine Sammlung von Fotoabzügen im Bestand Aktivdienst während dem ersten Weltkrieg (1914-1918). Im Bestand Stab der Gruppe für Ausbildung: Armeefilmdienst (1912-1993) gibt es schliesslich ein Filmdokument über die Schweizer Armee im Aktivdienst 1914-1918.

Aktivdiensterfahrung

Den Schweizer Soldaten blieb die Gewalterfahrung der Schützengräben erspart. Dennoch war der Aktivdienst für die meisten eine leidvolle Erfahrung. Die durchschnittlich 500 Diensttage waren geprägt von Langeweile und militärischem Drill. Das Bewusstsein, dass ihre Arbeitskraft zuhause fehlte, belastete viele Soldaten. Am schlimmsten aber war, dass sie für den dienstbedingten Lohnausfall keinerlei Entschädigung erhielten - abgesehen vom geringen Sold. Dies stellte viele Haushalte vor grosse finanzielle Probleme.

Die Tagebücher der Stäbe und Einheiten, Aktivdienstberichte und Unterlagen zu Aktivdiensterinnerungen aus dem Bestand Landesverteidigung (1600-1960) geben Auskunft über den Alltag im Aktivdienst. Im Bestand Oberauditorat: Strafakten (1823-1996) finden sich zahlreiche Einzelfälle zu grösseren und kleineren Vergehen gegen die militärische Ordnung.

Neutralität: Gute Dienste und Affären

Im Umgang mit der Neutralität waren die politisch Verantwortlichen in der Schweiz noch nicht trittsicher. Die Wahl des erklärten Preussenfreundes Ulrich Wille zum General vertiefte den Graben zwischen der deutschen Schweiz und der Romandie. Dieser Graben zeigte sich besonders deutlich in der gehässigen Auseinandersetzung zwischen den beiden Kulturregionen um den neutralitätswidrigen deutschen Überfall auf Belgien vom 4. August 1914. Während der Angriff in der Westschweiz stark verurteilt wurde, rechtfertigten Deutschschweizer Zeitungen das Vorgehen der deutschen Armee teilweise sogar.

Zwei Affären zeigten deutlich, dass das neutralitätspolitische Verständnis in den militärischen und politischen Eliten wenig gefestigt war. In der «Oberstenaffäre», die 1916 ihr Ende fand, vermittelten Schweizer Offiziere den Zentralmächten - namentlich dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn - geheime Nachrichten. Dabei wurden sie von ihren Vorgesetzten gedeckt. Auch die geheimen Vermittlungsversuche zugunsten eines deutsch-russischen Separatfriedens von Bundesrat Arthur Hoffmann brachten die Schweiz 1917 in eine heikle aussenpolitische Lage. Bundesrat Hoffmann musste in der Folge zurücktreten. Unterlagen zur «Affäre Hoffmann» finden sich unter anderem in den Beständen Eidgenössisches politisches Departement (1848-1962) und Bundesrat: Geheimprotokolle (1914-1985) sowie in den Privatbeständen des Bundesrats Edmund Schulthess (1910-1943) und des sozialdemokratischen Politikers und späteren Bundesrats Ernst Nobs (1906-1957).

Trotz dieser Probleme nutzte die Schweiz ihren neutralen Status für eine Politik der «Guten Dienste» und zur Linderung des Kriegsleids. Unterlagen dazu finden sich etwa in den Beständen Dienst für Vertretung fremder Interessen und Internierung (1875-1939) und der Abteilung für Auswärtiges (1768-1961).

Neben den einschlägigen Beständen zur Aussenpolitik sind im Zusammenhang mit dem Thema «Neutralität» insbesondere auch die Protokolle des Bundesrats und der Bundesversammlung wichtig. Informationen zur Neutralitätspolitik finden sich auch in diversen Privatbeständen, etwa im Nachlass Edmund Schulthess (1910-1943).

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