Der Erste Weltkrieg in der Schweiz
Ihre Neutralität bewahrte die Schweiz im Ersten Weltkrieg nicht vor den Auswirkungen des Wirtschaftskriegs. Der Bundesrat tat sich schwer mit der Krisenbewältigung.
Für die Schweiz war der Erste Weltkrieg nicht die «Urkatastrophe» wie für Europa insgesamt. Vielmehr wirkte er hier als Katalysator: Er verstärkte vorhandene Tendenzen und verschärfte bestehende Konflikte. Der Erste Weltkrieg stellte identitätsstiftende Grundwerte im jungen Bundesstaat wie die Neutralität und den Liberalismus auf den Prüfstand.
Bedrohte Souveränität
Militärisch war die Schweiz gewappnet. Kaum vorbereitet war das Land auf andere Herausforderungen. Denn die Schweiz wurde als neutraler Kleinstaat in den Wirtschaftskrieg zwischen den verfeindeten Nationen Europas hineingezogen. Und das bedrohte die wirtschaftspolitische Souveränität des Landes. Dazu kam die grosse Beanspruchung der gesamten Bevölkerung. Der Bundesrat verfügte über weitreichende Vollmachten und versuchte, die Lage zu entschärfen. Doch seine Massnahmen waren halbherzig. Es gelang ihm nicht, die wirtschaftliche und soziale Krise in den Griff zu bekommen.
Bewaffnete Neutralität und Aktivdienst
Der Ausbruch des «Grossen Krieges» löste auch in der Schweiz für kurze Zeit Enthusiasmus und patriotische Begeisterung aus. Der Bundesrat verkündete feierlich die Neutralität. Schon bald stellte sich aber heraus, dass der moderne Krieg ein totaler Krieg war, der alle in Mitleidenschaft zog – Soldaten und Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder. Mit dem Beginn des Stellungskriegs löste sich die weitverbreitete Hoffnung auf ein rasches Kriegsende in Luft auf.
Wirtschaftskrieg und soziale Not
Der Erste Weltkrieg war ein totaler Krieg. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit spielte eine entscheidende Rolle. Nach anfänglicher Kriegskonjunktur stürzte die Schweiz in eine schwere Wirtschaftskrise. Die Sicherung der Landesversorgung mit Rohstoffen und Lebensmittel stellte den Bundesstaat vor grosse Herausforderungen.
Stärkung des Bundesstaats und politische Radikalisierung
Am 3. August 1914 erhielt der Bundesrat von der Vereinigten Bundesversammlung unbeschränkte Vollmachten zur Behauptung der Unabhängigkeit und Neutralität des Landes. Dieses Vollmachtenregime gab ihm unter anderem das Recht, direkt in die Wirtschaft einzugreifen. Gemäss seinem liberalen Credo scheute er davor zurück, die Wirtschaftsfreiheit zu sehr zu beschränken. Dennoch übernahm der Bundesstaat im Verlauf des Kriegs neue Aufgaben. Der staatliche Interventionismus nahm zu.
Schweizerisches Bundesarchiv
Archivstrasse 24
CH - 3003 Bern