Besuch aus Buchenwald

Nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald im April 1945, nahm die Schweiz im Juni Überlebende aus dem Lager auf. Statt der erwarteten Kinder, kamen vor allem Jugendliche. Und sie wurden wieder in einem Lager untergebracht.

Untermalt von Marschmusik zeigt die Kamera Ende Juni 1945 die Einfahrt eines überfüllten Zugs in den Bahnhof von Basel. Die Passagiere betreten ein mit Drahtzaun abgesperrtes Gelände. «Flüchtlinge aus Buchenwalde kommen in der Schweiz an», sagt der Sprecher der Filmwochenschau. Die Erwachsenen, die sich in den Kindertransport eingeschlichen hätten, würden nicht ausgewiesen. Weissgekleidete Krankenschwestern kümmern sich um die Kleinsten. Die Schweiz als Hort der Humanität.
Im Frühling 1945 bot die Schweiz den Vereinten Nationen an, für ein halbes Jahr Kinder aufzunehmen, welche die Konzentrationslager überlebt hätten. Das international isolierte Land wollte sich den Siegermächten in einem günstigen Licht zeigen. Doch statt der erwarteten ausgehungerten Kleinkinder trafen in Basel hauptsächlich osteuropäisch-jüdische Jugendliche und junge Erwachsene ein, die zuvor von den Amerikanern gepflegt worden waren. Die Hilfswerke hatten sich falsch auf die «Buchenwaldkinder», wie die Jugendlichen genannt wurden, vorbereitet.
Trotz oder gerade wegen ihrer Traumata gaben sich diese nicht mit Suppe und Schlafstatt zufrieden. In den von Soldaten bewachten Quarantänezonen, in denen man sie zunächst unterbrachte, revoltierten sie gegen die strikte Lagerordnung. Die Jugendlichen benötigten nicht nur Fürsorge, sie wollten wieder leben. Anders als die Offiziellen stellten sich einige Betreuerinnen auf die neue Situation ein. Sie bauten zu den Jugendlichen ein persönliches Verhältnis auf und setzten sich dafür ein, dass diese Schulunterricht erhielten und sich ab und an zerstreuen durften.

Autor: Urs Hafner

Weiterführende Informationen

Literatur

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